Martin Luther University Halle-Wittenberg

Further settings

Login for editors

Hallesche Abendgespräche im Wintersemester 2023/24

Lokalisierungen von Migration, Bildung und Differenz



Fenna La Gro

Schulungen von Sprach- und Kulturmittler*innen: Positionierungen im Spannungsfeld von Ehrenamt, Professionalisierung und Integration

Das Dolmetschen im Gemeinwesen etabliert sich in Deutschland momentan zu einer Tätigkeit, die auch Aspekte der sozialen Arbeit enthält. Diese Hybridität zeigt sich bereits in Schulungen von sogenannten Sprach- und Kulturmittler*innen, die sich oftmals gezielt an Personen mit eigener Migrationsgeschichte richten.

Mit dem Vortrag sollen solche Schulungen von Sprach- und Kulturmittler*innen als komplexes Positionierungsgeschehen in den Blick genommen werden. Anhand von Materialausschnitten aus einer ethnographisch angelegten Studie wird gezeigt, wie die Teilnehmer*innen der Schulungen insbesondere entlang von kulturellen Differenzierungen positioniert werden, wobei durch den Bezug auf Kultur und Integration sowohl Professionalisierung gefordert werden kann als auch prekäre Arbeitsbedingungen legitimiert werden können.

Diese spezifischen Funktionen der Positionierung sind abschließend in ihrer Bedeutung für die Erziehungswissenschaft und die Soziale Arbeit zu diskutieren.

Ellen Kollender

Neue migrationsgesellschaftlichen Ein- und Ausschlüssen in Zeiten neoliberaler Staatlichkeit – Analysen im Feld schulischer Elternbeteiligung

Seit Beginn der 2000er Jahre stehen Eltern im Fokus bildungspolitischer Reformen wie sie in Reaktion auf den sog. Pisa-Schock angeschoben wurden. Der stärkere Einbezug von Eltern in schulische Prozesse wird aktuell vielfach als Antwort auf bestehende Bildungsungleichheiten ausgegeben. Er gilt zugleich als Ausdruck für eine demokratische Öffnung von Schule. Der Vortrag hinterfragt diese vermeintlichen Selbstverständnisse und geht subtilen Ausschlüssen von Eltern und ihren Kindern im Schulsystem vor dem Hintergrund neoliberaler Bildungssteuerung auf den Grund. Er zeigt, wie in diesem Kontext schulische Ungleichheiten politisch (neu) begründet und adressiert werden und insbesondere migrantisch und muslimisch gelesene Eltern mittels Praktiken der Aktivierung und Responsibilisierung in eine zunehmend individualisierende Verwaltung von Bildungsgerechtigkeiten einbezogen werden. Dabei werden rassistische Grenzziehungen verschleiert, während neue differenzielle Ausschlüsse im Schulsystem entstehen.

Über die Analyse des Zusammenspiels von bildungspolitischen Diskursen, schulischen Wissensbeständen und Subjektivierungsprozessen von Eltern und Pädagog:innen, wird eine mehrdimensionale Perspektive auf das Verhältnis von Eltern und Schule entwickelt. Über diese werden nicht nur Formen eines flexiblen Rassismus in der Migrationsgesellschaft sichtbar, sondern auch unterschiedliche (kollektive) Strategien seitens Eltern, die einem rassistischen Othering sowie intersektionalen Formen der Diskriminierung in Schule und Gesellschaft begegnen.

Paul Mecheril und Christina Raffaele

Verheißung und Disziplinierung. Rassismuskritische Perspektiven auf Integrationskurse

„Sprache ist der Schlüssel zur Integration."[1] – Dieser Satz spiegelt den Kern der deutschsprachigen Diskurse wider, in denen die Begriffe der Integration und Sprache in einen systematischen Zusammenhang gedacht und in Relation zueinander gesetzt werden. Sprache wird dabei als Gradmesser für eine gelungene Integration verstanden und Integration als fraglos geltende und „gute" Norm inszeniert. Der Integrationskurs stellt einen prominenten Ort dar, an dem Integration durch Sprache vollzogen werden soll.

Der Integrationskurs selbst vollzieht innerhalb dieses Diskurses eine Pendelbewegung zwischen Disziplinierung und Ermächtigungsverheißung, der den Kursteilnehmenden auf der einen Seite einen eigenmächtigeren, sprachlichen Handlungsraum verspricht und zugleich eine in Tempo, Art und Form eher eigenständige Verhältnissetzung zur deutschsprachigen Dominanzgesellschaft verunmöglicht. Ein Blick in das Aufenthaltsgesetz und bisherige Forschungsarbeiten zeigen, dass in einem Integrationskurs neben der Sprachmittlung auch die Durchsetzung von Normativitätsannahmen und damit einhergehend dominanzgesellschaftlich geprägte Appelle an die im Rahmen des Integrationskurses Lernenden stattfinden.

Dieser Logik folgend dient der Raum des Integrationskurses als Ort, an dem diese gesetzlich-verordnete Pflicht vollzogen wird. Im Vortrag soll deshalb der Verpflichtungscharakter von Integrationskursen beleuchtet werden, insbesondere hinsichtlich seiner Funktion als Instrument einer hierarchisierenden Integrationsregulierung und der Ermöglichung bzw. Verunmöglichung gesellschaftlicher Mitbestimmung, Arbeits- und Aufenthaltsrechten. Auch die Frage, wie diese Teilnahmepflicht legitimiert wird und welches Subjekt- wie Gesellschaftsverständnis diesen Legitimationsfiguren zugrunde liegt, wird uns interessieren.

Mit einer rassismuskritischen Perspektive, die wir zunächst vorstellen werden, werden wir an empirischem Material (aus der laufenden Dissertation von Cristina Raffaele) Integrationskurse mit Blick auf Normativitätsannahmen und Subjektivierungsprozesse befragen. Was zum Kuckuck passiert eigentlich in Integrationskursen? Was sagt dies über illusionäre Verheißungen und faktische Disziplinierungen der Migrationsgesellschaft aus?

[1] https://library.fes.de/pdf-files/wiso/07666.pdf    u.a.

Magnus Frank

Rassismuskritische Reflexivität und lokaler Eigensinn in der Ethnographie (außer)schulischer Bildungspraktiken

Der Vortrag fokussiert auf die feldspezifischen Rekonstruktionen zweier ethnographischer Forschungsprojekte. Zum einen handelt es sich um eine insg. zehnjährige Langzeitethnographie zur Praxis muslimischer Gesprächskreise für junge männliche Studierende und Schüler, zum anderen um eine beginnende fünfjährige ethnographische Forschung zu den Kontinuitäten und Neuformierungen von institutionellem Rassismus in der Schule.

Beide Forschungszusammenhänge werden genutzt, um die mit den Abendgesprächen aufgeworfene Fragen nach den Orten, Verortungen und Räumen (‚Lokalisierungen‘) einer reflexiven migrationsgesellschaftlichen Forschung hinsichtlich dreier Perspektiven zu konturieren. In den Blick rücken erstens der Eigensinn hybrider lokaler Interaktionen, zweitens die feldspezifischen Formen eines diskursiven Differenzwissens sowie drittens die Dynamiken der Verfestigung und Verflüssigung von Differenzpraktiken und -erwartungen in Perspektive der Institutionalisierung.

Ausblickend werden vor diesem Hintergrund einige methodologische Überlegungen für eine rassismuskritische Ethnographie unternommen. Es wird dafür argumentiert, dass das Interesse der Abendgespräche an den lokal-situierten „Rahmenbedingungen und Anforderungsstrukturen der Thematisierung von Migration und Mehrsprachigkeit“ in die Erarbeitung eines differenzreflexiven Teilnehmens, Beobachtens und Schreibens im Feld hineinführt.

Up